Aus 100 ÖSTERREICHISCHE Häuser (Ausgabe 2014/15) – BUY NOW

Im Sinne der Nachhaltigkeit

Renate Hammer und Peter Holzer über ökologisches Bauen

Autor: Manuela Hötzl Fotos: Adam Mork

Renate Hammer studierte Architektur und Philosophie in Wien. Sie hat sich nach der Praxis in Architekturbüros der Lehre und Forschung gewidmet – mit den Schwerpunkten Solararchitektur, Umwelt und nachhaltiges Bauen. Von 2009-2012 hatte sie die Geschäftsführung und wissenschaftliche Leitung des COMET Kompetenzzentrums Future Building GmbH gemeinsam mit Peter Holzer inne und war von 2011-2013 Dekanin der Fakultät für Kunst, Kultur und Bau bzw. für Bildung, Kunst und Architektur der Donau-Universität Krems.

Peter Holzer studierte Maschinenbau in Wien. Nach zahlreichen Forschungs- und Lehrtätigkeiten, unter anderem an der Technischen Universität Wien und dem fh campus Wien, ist er auch seit 1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department für Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems und Lehrgangsleiter der Universitätslehrgänge Solararchitektur, Solares Planen und Bauen, Klima-Engineering, Master of Building Science.

2013 gündeten Renate Hammer und Peter Holzer das Institute of Building Research & Innovation GmbH.

www.building-research.at

(c) Videos: architektur in progress

Ökologisch bauen – wie kann man als Bauherr an die Sache herangehen?

Renate Hammer: Für mich ist die Frage nach der Ökologie zu kurz gegriffen – auch in Bezug auf den einzelnen Bauherrn, denn der stellt sich zuallererst realistischerweise die Frage nach der Leistbarkeit. Nur für ganz wenige, für die Geld keine Rolle spielt, trifft das nicht zu. Insofern ist Ökologie immer auch ein sozialökonomisch zu diskutierender Faktor. Wenn man über Einfamilienhäuser nachdenkt – und ich will diese Bauform nicht grundsätzlich ablehnen, schließlich betrifft sie rund 50 Prozent aller in Österreich wohnenden Menschen –, geht es vor allem um die Angemessenheit. Wenn man ein Einfamilienhaus mit 500 Quadratmeter Wohnnutzfläche auf ein freies Feld stellt, braucht man sich über Ökologie keine Gedanken mehr zu machen. Da spielt es auch keine Rolle mehr, ob mit regionalem Baumaterial gebaut wird oder Energieeffizienz im Betrieb gewährleistet wird. Erst wenn der Kontext insgesamt stimmt, sollte man von Nachhaltigkeit sprechen.

„Wer heute noch neu baut, muss sich jedenfalls einer großen Verantwortung für die dauerhafte Qualität seiner Baumaßnahme stellen.”

Peter Holzer: Ich rate Bauherren, im Sinne der eigenen Nachhaltigkeit, also der eigenen zukünftigen Spielräume, sich vor jedem Bauvorhaben sehr gründlich die Frage nach den eigenen Bedürfnissen zu stellen und den eigenen Bedürfniskatalog auch sehr ehrlich zu hinterfragen. Was brauche ich wirklich? Was brauche ich möglicherweise auch noch in fünf Jahren, was nicht mehr? Kann mich meine Bauentscheidung auch durch mögliche Veränderungen der Lebensumstände begleiten? Etwa ein Berufswechsel, oder erhebliche Einschnitte bei der Einkommenssituation; etwa der Verlust des Autos, oder eine Änderung der Familiensituation? Baumaßnahmen, die einen solchen Stresstest bestehen, sind am allerbesten Weg, nachhaltig zu sein.

Neubau versus Umbau.

Hammer: Es ist entscheidend, ob man einen Neubau plant oder eine Sanierung vorhat. In Hinsicht auf die Ökologie sind das ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen. Wenn ich etwa ein Bestandhaus weiterentwickle, dann ist die Frage nach der grauen Energie eine nach passender Ergänzung oder gegebenenfalls Verbesserung. Bei einem Neubau treffe ich eine grundsätzliche Konstruktions- und Materialentscheidung und muss die Realität des Marktes beachten. Beispielswiese könnte Naturstein ein ökologisch sehr sinnvoller Baustoff sein, er kommt aber längst nicht mehr aus regionalen Steinbrüchen, sondern beispielsweise aus Indien oder der Türkei … Obwohl wir noch lokale Materialressourcen hätten, wird aus Preisgründen von weit her transportiert – gegengerechnet werden Schiffsdiesel und Lohnkosten. Wir sprechen hier nur nachgeordnet über Materialökologie, eher über ein Problem der sozialen Nachhaltigkeit und über den Verlust lokaler Wertschöpfung.

Holzer: Jeder Neubau, außer einem echten Ersatzbau, determiniert nahezu unwiderruflich einen zusätzlichen Energieverbrauch, sehr oft eine Störung vernetzter Ökosysteme, sehr oft leider auch ein zusätzliches Verkehrsaufkommen. Daher besteht hier eine wirklich große Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen: Wer heute noch neu baut, muss sich jedenfalls einer großen Verantwortung für die dauerhafte Qualität seiner Baumaßnahme stellen. Denn meistens sind Neubauten ja für mehrere Generationen gedacht. Eine Alternative zu dieser langfristigen Verantwortung können Bauten sein, die ganz bewusst für eine begrenzte Zeitspanne konzipiert werden. Auch das kann unter Umständen nachhaltig sein. In solchen Fällen muss man besonders die Zerlegbarkeit und Wiederverwertbarkeit sicherstellen.

Einfamilienhäuser werden meist mit Förderungen – je nach Bundesland mit unterschiedlichen Kriterien – errichtet. Wie kann man diese Bauform politisch regulieren?

Holzer: Die Förderungspolitik befindet sich in einem Umbruch – und das ist auch gut so. Die baubehördlichen Mindestanforderungen an Energieeffizienz werden im Gleichklang mit den geltenden EU-Verordnungen auf ein kostenoptimales Niveau des nahezu Nullenergiehauses angehoben. Damit könnten sich die Wohnbauförderungen von ihrer Funktion der Anschubförderung für mehr Energieeffizienz zurückziehen und sich neu orientieren. Ich denke hier an Qualitäten wie die Förderung der richtigen Standortwahl, der Angemessenheit und Robustheit von Baumaßnahmen, der Gesundheit von Innen- und Außenräumen. Unter solchen Voraussetzungen könnten sich Förderungen außerdem auch wieder als soziale Unterstützung verstehen, also Unterstützung geben, ohne parallel dazu Zusatzkosten zu verursachen. Als grundlegenden Beitrag zum leistbaren Wohnen.

Das Bürogebäude von Baumschlager Eberle in Vorarlberg brüstet sich damit, nahezu ohne Wärmedämmung, Heizung und Haustechnik auszukommen. Wann ist was angemessen?

Holzer: Dieser Bau ist ein Reizthema. Ich achte ihn in seiner Grundstruktur sehr: Es ist ein funktionales und in meinen Augen auch sehr schönes Gebäude, mit hohen Räumen und hervorragender Tageslichtversorgung. Es hat eine hoch wärmedämmende, nahezu Passivhaustaugliche Hülle, thermisch höchstwertige Fenster und Fensterrahmen. Es ist sicherlich luftdicht und hat eine mechanisch geregelte Fensterlüftung. Dass es keine separate Heizung hat, sondern die erforderliche Wärme über verlängerte Betriebszeiten von Licht und Computern elektrisch bereitstellt, ist ein radikales Statement gegen – zugegeben bisweilen übertrieben komplizierte – Haustechnik, um den Preis einer direkt elektrischen Heizung. Aber die Gebäudehülle selbst ist eine dicke, hoch wärmedämmende, dichte Ziegelmauer. Ohne Wärmedämmung kommt das Haus also nicht aus. Diese ist nur schon in der Ziegelwand integriert.

„Neben dem Material selbst bestimmt Sortenreinheit oder Trennbarkeit über die ökologische Gesamtbewertung.”

Hammer: Ich glaube, dass in dieser Diskussion ganz schnell zwei Dinge vermischt werden. Das eine ist die Betrachtung von Wärmedämmung im Sinne einer bauphysikalischen Leistungsfähigkeit der Gebäudehülle. Die kann durch unterschiedlichste Konstruktionen erreicht werden, je nach Qualität des eingesetzten Baustoffs durch einschaliges Mauerwerk genauso wie durch eine mehrschichtige oder eine entsprechend aufgelöste Leichtbauweise. Neben dem Material selbst bestimmt Sortenreinheit oder Trennbarkeit über die ökologische Gesamtbewertung. Das andere ist die Synonymverwendung von Wärmedämmung für die Vollwärmeschutzfassade zumeist als thermische Sanierungskonstruktion im Bestand. Da gibt es in vielerlei Hinsicht – speziell auch die Architektur und das Erscheinungsbild betreffend – oft hoch schwierige Situationen. Allerdings ist das kein Argument gegen wärmedämmende Gebäudehüllen. Das Baumschlager-Eberle-Haus ist selbstverständlich hoch wärmegedämmt, nur außen klebt nichts drauf.

Man kommt also nicht darum herum, jedes Haus, jedes Grundstück individuell zu planen und zu analysieren, was an diesem Ort das Beste ist.
Hammer: Ein Grundsatz für Nachhaltigkeit beim Bauen ist: Jede Bauaufgabe, jeder Bauherr, jeder Bauplatz, ob Talsenke oder Bergspitze – gerade in Österreich –, ist ein individuell zu betrachtender Fall. Was ich vor Ort vorfinde, ist bestimmend für das Gebäude. Die passende Hülle muss für diese Umgebung und die konkrete Benutzung stimmig sein. Sonst funktioniert das nicht – Beliebigkeit ist sozusagen der Antipode der Nachhaltigkeit.

Das VELUX Sunlighthouse (Anmerkung: das erste CO2-neutrale Einfamilienhaus Österreichs – siehe Projekt 08) haben Sie beide mitentwickelt und betreut. Es gab auch ein Monitoring. Was kann man daraus lernen?
Hammer: Dieses Haus steht, und das finde ich das Interessante und auch Ernsthafte, in einem Kontext eines Gesamtprojekts von insgesamt sechs Versuchsgebäuden. Diese wurden in Europa mit dem Ziel entwickelt, von der Idee der Energieeffizienz als ausschließlicher Wertmaßstab für Gebautes wieder wegzukommen. Es wurden unterschiedliche Kriterien, wie Materialökologie, die Fragen nach der Gesundheit, nach der Lichtversorgung des Innenraums, nach Architekturqualität, Außenraumanbindung und so weiter, gleichwertig neben dem Energiethema behandelt, also ein umfassenderer Blick auf das Haus als nachhaltiges Produkt geworfen. Das war und ist auch weiterhin für uns die Herausforderung, die entscheidenden Nachhaltigkeitsparameter für ein Projekt zu identifizieren und so zu beschreiben, dass sie mit möglichst großem Gestaltungsspielraum umgesetzt werden können.

Holzer: In der Planung des Sunlighthouse wurde die Frage nach der Gesundheit der Innenräume gestellt. In einem umfassenden Sinn. Es geht nicht darum, den Wohnraum bestmöglich gegen das Außen zu schützen. „Gleichmäßig warm“, was ja unser heutiger Komfortbegriff ist, ist auf Dauer nicht genug und aller Voraussicht nach auch nicht gesund. Wir brauchen das Licht des Außenraums. Wir brauchen die bestmögliche Öffnung unserer Innenräume in gut nutzbare Außenräume. Das wurde beim Sunlighthouse meisterlich verwirklicht. Gleichzeitig wollten wir im Sunlighthouse die hochgesteckten Ziele des Plusenergiehauses und des CO2-neutralen Gebäudes erreichen. Und haben sie erreicht. Im Nachhinein würde man manche Steuerelemente weglassen. Die hätte es gar nicht gebraucht.

„Die passende Hülle muss für diese Umgebung und die konkrete Benutzung stimmig sein. Sonst funktioniert das nicht – Beliebigkeit ist sozusagen der Antipode der Nachhaltigkeit.”

Bauen ist allgemein komplexer geworden, und immer mehr Fachplaner, wie Statiker, Haustechniker etc., sind beteiligt. Würden Sie dementsprechend einem Bauherrn empfehlen, einen Architekten zu beauftragen?

Holzer: Auf jeden Fall! Nach sehr persönlicher Auswahl. Denn jemanden mit der Planung des eigenen Lebensraums zu beauftragen, ist ein enormer Vertrauensvorschuss. Die Fragen, die ich eingangs den Bauherren empfohlen habe sich selbst zu stellen, also jene nach den langfristigen und eigentlichen Bedürfnissen, die muss der Architekt oder die Architektin verstehen, mittragen und baulich beantworten. Da muss großes Verständnis zwischen Bauherrenschaft und Planer bestehen. Ohne Architekt eine Baumaßnahme umzusetzen ist eine vergebene Chance. Mit dem falschen Architekten oder der falschen Architektin aber ebenso.

Was ist das Ziel von Building Research & Innovation?

Hammer: Innovation ist der entscheidende Punkt. Für uns ist es wesentlich, dass Ergebnisse aus der Grundlagenforschung auch tatsächlich den Weg in die Umsetzung finden. Insofern begleiten wir gern Pilotprojekte. Die zentrale Aufgabe für uns ist die Entwicklung von Konzepten oder Produkten, die wirklich auf den Markt kommen und dort bestehen können, um möglichst rasch einem Benutzer und der Umwelt zugutezukommen. Sobald ein Planer, ein Entwickler oder ein Partner aus der Industrie merkt, dass sein Produkt einen zusätzlichen Marktwert bekommen kann, weil es besonders ökologisch oder gesund ist, liegt darin ein starkes Motiv neben dem ethischen Anspruch das Produkt weiterzuentwickeln.

Die globalen Prognosen sind nicht gut. Die IG Passivhaus schreibt auf ihrer Webseite: 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in Europa werden durch den Gebäudesektor verursacht. Die UNO fordert eine 80- bis 95-prozentige Reduktion der CO2-Emissionen bis 2050. Ist das zu schaffen?

Holzer: Richtig ist jedenfalls, dass der Klimawandel ein ernstes und nicht wegzudiskutierendes Problem ist. Richtig ist auch, dass, wenn es eine Perspektive auf eine uns noch verständliche Kulturfortführung geben soll, wir tatsächlich in den nächsten ein bis zwei Generationen die Treibhausgasemissionen um zumindest 60, besser 80 Prozent redu- zieren müssen. Um das zu erreichen, müssen wir weniger verbrauchen, weniger verbrennen. Effizienzsteigerung ist dazu ein notwendiger Beitrag, Effizienz ist aber nur das Verhältnis zwischen Nutzen und Aufwand. Es ist derzeit so, dass wir auf der einen Seite die Effizienz steigern, aber auf drei anderen Seiten unsere Bedürfnisse noch viel schneller steigern. In den vergangenen 30 Jahren, also innerhalb einer Generation, seit der Aubesetzung von Hainburg und seit dem Volksbegehren gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf, ist in Österreich der Gesamtenergieverbrauch um 50 Prozent gestiegen – ungeachtet aller Effizienzsteigerungen. Solange nicht der Anspruch an allem sinkt, wie der Flächen-, Temperatur-, Sicherheitsanspruch, wird sich das nicht ändern.

Hammer: Ein plastisches Beispiel ist der Verkehr. Unsere Autos wurden immer effizienter. Das Problem ist nur, dass man jetzt mit demselben Aufwand ein höheres Ziel, sprich eine weitere Entfernung oder mehr Fahrten, umsetzen kann. Damit führt die Effizienzsteigerung nicht zur angestrebten Einsparung. Ich will nicht einmal sagen, dass es grundsätzlich mehr oder weniger sein muss. Es muss entsprechend sein. Ziel unserer Arbeit ist auch, echte Bedürfnisse zu ermitteln und von Ansprüchen oder Gewohnheiten zu unterscheiden, um dann zu sehen, wie weit sich eben dieser tatsächliche Bedarf mit den vorhandenen Ressourcen zur Deckung bringen lässt.

Wie bemerkt man diese Ansprüche in der Baubranche?

Hammer: Das Bauen ist die größte Lebensinvestition, und an der wird aktuell offenbar, dass wir weniger haben. Obwohl man uns immer erklärt hat, dass das nicht so ist, gibt es eine Debatte um die Leistbarkeit des Wohnbaus. Abgesehen von der Überbeanspruchung natürlicher Ressourcen wie Boden oder Luft zeigt sich auch die Überbeanspruchung des finanziellen Vermögens des Einzelnen nun beim Bauen. Das ist für die Betroffenen eine schwere Belastung und dennoch eine Chance, denn es manifestiert sich dadurch ein gewisser Druck – so findet ein Umdenken oder zumindest ein Suchen statt. Das merken wir bei unseren Projekten sehr stark.

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