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Architektur als Kultur

Alexander Diem über die Kunst, Kunst zu integrieren

Autor: Carlos Oberlechner Fotos: Andreas Balon

„Kunst in die Architektur zu integrieren wird noch länger nicht zum Standard werden. Auch künftig werden Architekten ihre Banken hinknallen, mit Stahl-Glas-Foyers, in die man dann irgendeine beliebige Skulptur reinstellt. Aber wie man ein Kunstwerk von vornherein hineinkomponiert, das wäre eben mein Weg, und der wird noch lange dauern, bis er übernommen wird. Vielleicht wird es in 20 bis 30 Jahren Standard sein, so zu planen.“

Alexander Diem, Architekt

Sie sind ein wenig aus der Mode gekommen, die Gaudís, Wagners oder Wrights, also Baukünstler mit hoher Affinität zur bildenden Kunst. „Leider ist unlängst mit Zaha Hadid eine der Letzten gestorben, für die Architektur immer auch Kunst war“, bedauert Alexander Diem und legt nach: „Ich sehe gegenwärtig die Architektur ein wenig in der Krise, weil die Baukunst als solche, meines Erachtens, immer mehr zu kurz kommt. Architekten verstehen sich heutzutage als Öko-Profis, Politiker, Organisatoren, als Erzeuger von Wohneffizienz oder als Wegbereiter nachhaltigen Bauens. Alles wunderbar, nur der Architekt als aktiver Teil von Kunst und Kultur ist zurzeit nicht wirklich en vogue.“ Wenn der Vorarlberger Architekt Alexander Diem (mit Sitz in Wien) von Kunst in der Architektur spricht, dann geht es ihm um mehr als funktionale und formale Fertigkeiten aus der eigenen Feder. Vielmehr möchte er den (bildenden) Künstler in persona in seine gestalterischen Überlegungen miteinbeziehen. Und das so früh wie möglich, um den Output des oder der Betreffenden unmittelbar in das Gebäude zu integrieren. Soll heißen: Diem möchte keine Kunst AM Bau, er möchte Kunst IM Bau. Keine nachträgliche kulturelle Behübschung, sondern Kunst, die selber Teil des Gebäudes ist und in ihrer Art, ihrem Volumen oder der Flächigkeit Bauteile ersetzt.

Abzulesen an seinem ersten großen „Kunstprojekt“, der 2013 fertiggestellten „Villa am See“ im Salzkammergut. Ein Einfamilienhaus in bester Lage, mit großem, parkähnlichem Garten, das aufgrund der souveränen Handschrift des Architekten sich selbst in Form und Ausprägung als Wohnskulptur darstellt. Das, was Diem aber in erster Linie präferiert, nämlich den Austausch zwischen Planer und Künstler, findet sich in pointierten Details. Wie etwa der Eingangstür, eine vom bulgarischen Künstler Plamen Dejanoff handgefertigte Replik einer Tür aus einem bulgarischen Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Oder der Einlegearbeit im Terrassenboden, eine Komposition des oberösterreichischen Künstlers Nick Oberthaler. Beides Beispiele dafür, wie man ganze Bauteile durch Kunstobjekte ersetzen kann. Objekte, die neben ihrem kulturellen Stellenwert vor allem eines implizieren: Man benutzt sie.

Diem: „Der Vorteil von früher Kunstplanung: Ich kann mir schon während der Gestaltungsfindung überlegen, welche Bauteile als Kunstwerk gestaltet werden; so erspare ich mir letztendlich das Artefakt. Einen Terrassenbelag und eine Haustür brauche ich sowieso, also warum nicht gleich die Kunstvariante davon?“ Klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Das weiß Diem, und deshalb versucht er auch gar nicht, den Kurator zu machen. Vielmehr arbeitet der Architekt seit geraumer Zeit mit dem Wiener Galeristen Emanuel Layr zusammen. Sein „FfK“, wie Diem das nennt.

FfK?

„Ein Fachplaner für Kunst“, klärt der Architekt auf. „So wie es Fachplaner für Statik, Installation oder Holzbau gibt, die üblicherweise sehr früh in den Planungsprozess integriert werden, ist es die Aufgabe dieses Fachmannes, ebenfalls von Beginn an tätig zu sein. Der Terminus technicus FfK ist natürlich ein fiktives Berufsfeld, wir können ihn auch Kurator nennen, oder auch Mediator. Er ist eine Art Puffer zwischen Künstler und Architekt. Letzterer erklärt dem FfK die Grundintention des Hauses, und dieser wählt entwurfsbegleitend die dazu passende Kunst aka den Künstler aus. Dadurch ist von vornherein ausgeschlossen, dass die Konzepte gegenlaufen.“ Der FfK titulierte Galerist Emanuel Layr ergänzt: „Wenn der Architekt so weitsichtig ist, dass er schon zu Beginn der Planung Bereiche der Kunst zuordnet, dann können später tolle Raumsituationen und Charakteristika entstehen. Das Wichtigste ist aber, früh Künstler in den Ablauf einzubeziehen. Daraus ergibt sich ein Abgleich, welche Ideen es gibt, die man dann auch viel leichter realisieren kann.“

Wie spannend und beeindruckend dieses Konzept sein kann, zeigt sich nicht nur an der „Villa am See“, sondern auch an weiteren Einfamilienhausprojekten, wie etwa dem „Haus G“ in Wien. Dieses im Entstehen begriffene Privathaus wird quasi um ein Kunstwerk herum gebaut. Um die Größe und Bedeutung einer Skulptur von Franz West auch nach außen hin zu dokumentieren, wurde im Bereich des Aufstellortes die Fassade mit wellenartigen Ausbuchtungen versehen, und im Inneren orientiert sich in diesem Bereich die Möblierung ebenfalls an dem Kunstwerk. Beim „Haus G“ kam daher neben dem Architekten und dem Kunstfachplaner auch ein eigener Interior-Designer zum Einsatz.

 

Der Umstand, dass Diem bei der „Villa am See“ und dem „Haus G“ auf eine kunstsinnige Bauherrenschaft traf, war natürlich wie geschaffen für sein „Kunst im Bau“-Konzept. Doch wie sieht es mit jener Klientel aus, die einen anderen Ansatz hat als den, den er selber verfolgt? Der Architekt: „Das Ganze hängt natürlich in erster Linie vom Interesse des Bauherrn ab. Ich kann nicht von jedem Auftraggeber erwarten, dass er bereits im Vorfeld der Finanzierungsabwägung die ‚Kunstkosten‘ miteinplant. Es muss a priori schon von der Bauherrenschaft der Wunsch nach dem Kunstkonzept da sein“, und ergänzt lachend: „Ich werde sicher niemandem meine Ideen aufzwingen, wenn er sich nicht damit identifizieren kann.“

Und inwieweit kann sich der Architekt vorstellen, dass sein Konzept auch im großen Maßstab, in der Stadtplanung, im Wohnbau, bei Großbauten, anwendbar ist? Diem: „Es steht außer Frage, dass etwa beim Thema Städtebau soziale und soziologische Aspekte enorm wichtig sind – Kultur und Kunst aber auch! Trotz Geldknappheit und ‚Krise‘ wird nach wie vor viel Geld in die Außendarstellung von zum Beispiel Konzernbauten und ähnlichen Bauvorhaben gesteckt; doch kaum geht es um den Kunstanteil, wird sofort gespart. Dabei ist Kultur ist ja keine Geldverschwendung, sondern u. a. für den Zusammenhalt einer Gesellschaft notwendig. Wenn sich Architekten mehr als Kulturschaffende begreifen würden, wäre es einfacher, Kunst in Bauwerke zu integrieren.“

Provokant nachgefragt: Was hat der „kleine Mann“ davon, wenn er im urbanen Raum Kunst vor die Nase gesetzt bekommt? Dazu Emanuel Layr: „Ein gutes Beispiel für Kunst im öffentlichen Raum, mit der der Mensch direkt konfrontiert wird, ist etwa der ‚Gelbe Nebel‘ von Olafur Eliasson Am Hof in Wien. Oder der Schriftzug von Lawrence Weiner am Flakturm im Wiener Esterházypark. Das sind gute Leute, die sich die Gegebenheiten vor Ort anschauen, analysieren, und dann wird die Situation mit einem kleinen Eingriff besser. Diese Eingriffe werden vom ‚kleinen Mann‘ sehr wohl wahrgenommen und überwiegend positiv bewertet. Im Wohnbau werden oftmals durch Installationen, Skulpturen u. Ä. Orte der Begegnung geschaffen, die funktionieren und angenommen werden. Vor allem aber ist es großartig, wenn Kunst aus dem geschützten Raum rausgeht und sich direkt unter den Menschen darstellt.“ Diem ergänzt: „Kunst in die Architektur zu integrieren wird noch länger nicht zum Standard werden. Auch künftig werden Architekten ihre Banken hinknallen, mit Stahl-Glas-Foyers, in die man dann irgendeine beliebige Skulptur reinstellt. Aber wie man ein Kunstwerk von vornherein hineinkomponiert, das wäre eben mein Weg, und der wird noch lange dauern, bis er übernommen wird. Vielleicht wird es in 20 bis 30 Jahren Standard sein, so zu planen.“

Architektur ist also nur dann gute Architektur, wenn sie zugleich auch Kunst ist? Alexander Diem: „Auch wenn Architektur nicht zwingend Kunst sein muss, so ist sie dennoch Kultur. Wir haben eine Esskultur und eine Kleiderkultur, wir sollten daher auch eine Baukultur haben. Aber dieses Wort ‚Baukultur‘ ist momentan doch etwas ausgegraut. Kultur ist und bleibt ein eminent wichtiger Bestandteil von Architektur, nicht zuletzt, weil die gebauten Sachen ja lange dastehen.“

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